Mit vereinten Kräften

Das Russische Haus der Wissenschaft und Kultur ist ein Ort der Begegnung, mitten in Berlin. Ausstellungen, Vorträge, Konzerte und Filmvorführungen stehen auf dem Programm. Pavel A. Izvolskiy, den neuen Direktor, konnten wir für unser Vorhaben, die Geschichte des Alexandrow Ensembles in einer Ausstellung zu erzählen und ein Jubiläumskonzert in Berlin zu initieren, sofort begeistern. Er weiß um die Bedeutung des Ensembles als kulturellen und künstlerischen Identitätsträger Russlands. So schauen wir hoffnungsvoll nach vorn und ziehen gemeinsam an einem Strang, damit sich diese Idee tatsächlich in Realität verwandelt.

Rendez-vous for Peace

Der kanadische Komponist, Arrangeur und Produzent David Foster nimmt am 7. Februar 1987 den Titel »Rendezvous For Peace – Love Lights The World« auf, bei dem er selbst mit dem Alexandrow-Chor im Duett singt. Der Titel wird als Vinyl-Single publiziert. Er ist die Auftaktmelodie für das große Rendez-vous ’87. Zwei Eishockey-Freundschaftsspiele der Nalmannschaft der UdSSR gegen ein All-Star-Team der nordamerikanischen Profiliga NHL stehen in Quebec, Kanada, auf dem Programm. Am 11. Februar gewinnen die Kanadier 4:3. Zwei Tage später revanchieren sich die Gäste mit einem 5:3-Sieg. Das Alexandrow Ensemble gastiert noch einige Wochen in Kanada. Am 7. März 1987 wird ein Konzert in Vancouver aufgezeichnet und als Album »Live At Orpheum« veröffentlicht.

Meinst du, die Russen wollen Krieg?

Am 12. April 1961 startet mit Wostok 1 zum ersten Mal ein Mensch ins All. Um 8.55 Uhr landet Juri Alexejewitsch Gagarin nach einer Erdumrundung sicher auf heimatlichem Boden. Im Kampf der Systeme sorgt die sowjetische Raumfahrt mit diesem Coup einmal mehr für internationales Prestige. Der kleine Kosmonaut wird über Nacht zur Ikone einer neuen Zeit. Verwegen, kompetent und immer fröhlich – so sieht er aus, der sozialistische Mensch. Die Luftfahrtgesellschaft Aeroflot publiziert eine Schallplatte mit vier Liedern des Alexandrow Ensembles, die Gagarins Triumph gewidmet ist. »Meinst du, die Russen wollen Krieg?« ist das jüngste Werk des Dichters Jewgeni Jewtuschenko. Eduard Kolomanowsky vertont das Poem. Das Alexandrow Ensemble liefert damit ein musikalisches Bekenntnis zum Frieden auf Erden und zur friedlichen Eroberung des Weltalls.

 

Friedlich vereint im Weltall

Didier Marouani zählt zu den Pionieren der elektronischen Popmusik. 1977 landet seine Band SPACE mit ihrem ersten Album einen echten Hit. »Magic Fly« treibt rund um den Erdball die Meschen auf die Tanzflächen. Von Dezember 1986 bis Juli 1987 produziert Marouani sein ambitioniertestes Werk. Auf »Space Opera« bringt der Franzose den Chor des Alexandrow Ensembles (UdSSR) und den Havard University Glee Club Choir (USA) zusammen. Um die Symbolkraft dieses internationalen Projektes noch zu steigern, startet diese erste Oper für Chorgesang und Syntheshizer mit einer sowjetischen Rakete ins All. Auf der Raumstation MIR erlebt das neue Medium CD mit »Space Opera« seine Weltallpremiere.

 

L’italiano

Im Februar 1964 begibt sich das Alexandrow Ensemble erstmals auf Tournee nach Italien. Unter Arbeitern, Intellektuellen, Kunst- und Kulturschaffen ist in jenen Jahren ein kompromissloser Antifaschismus in Italien fest etabliert und die kommunistische Partei ist eine der stärksten in Westeuropa. Mit dem Alexandrow Ensemble werden so immer auch die Sieger des II. Weltkrieges und die vermeintlichen Sieger der Geschichte gefeiert. Die künstlerische Akzeptanz überdauert den Zerfall der Sowjetunion und den Niedergang der italienischen Linken. Im Jahr 2009 geht der Sänger Toto Cotugno mit dem Ensemble in Russland auf Tour. Beim Festival in Sanremo treten sie 2013 gemeinsam auf. Im Jahr 2016 hindern den italienischen Sänger anderweitige Verpflichtungen daran, mit dem Alexandrow Ensemble die russischen Truppen in Syrien zu besuchen. Um so mehr ist er schockiert, als er vom tragischen Unglück seiner Freunde erfahren muss.


Alexandrows Meisterstück

Mit Beginn des Kriegsjahres 1944 wurde eine neue sowjetische Nationalhymne eingeführt. Die Komposition Alexander Alexandrows basierte auf der Hymne der Kommunistischen Partei, die bereits seit 1938 im Gebrauch war. Auf Weisung Josef Stalins adaptierte Alexandrow das kraftvolle Werk. Der patriotische Text von Sergej Michalkow (1913 – 2009) und Gabriel El-Registan (1899 – 1945) huldigte nicht nur dem freien Willen der vereinten Völker, sondern auch Lenin, Stalin und der siegreichen Roten Armee. Erst 1977 wurde Stalin durch eine überarbeitete Textfassung Michalkows aus der Hymne getilgt. Mit dem Ende der Sowjetunion wurde 1991 auch die Nationalhymne außer Dienst gestellt. Im Jahr 2001, in Wladimir Putins erster Amtszeit, wurde aus Alexander Alexandrows Hymne der Sowjetunion die Hymne der Russischen Föderation. Sergej Michalkow selbst passte den Text ein letztes Mal der neuen Zeit an. Seither vertraut die Russiche Nationalhymne auf Gottes Beistand und nicht mehr auf Lenin, der den Weg erleuchtet. Trotz all dieser Wechselfälle der Geschichte blieb eines unverändert – Alexander Alexandrows Musik. Machtvoll, selbstbewusst und zutiefst emotional repräsentiert sie die kulturelle Identität einer ganzen Nation. Seit dem Jahr 1944 ist die Hymne ein fester Bestandteil im Repertoire des Alexandrow Ensembles.

Berlin 1985

Am 19. Mai 1985 gab das Alexandrow Ensemble ein weiteres Mal bei strahlendem Sonnenschein vor 50.000 begeisterten Zuschauern ein Konzert in der historischen Mitte Berlins. Wie schon im August 1948, wurde auch diesmal die Bühne vor dem Schauspielhaus errichtet. Der Platz der Akademie (heute wieder Gendarmenmarkt) hatte sich seit damals jedoch sehr verändert. Die letzten Ruinen des Krieges waren ringsum verschwunden. Das Schauspielhaus, der Deutsche- und der Französische Dom wurden im Jahr zuvor nach langer Rekonstruktion wiederöffnet. Das Alexandrow Ensemble war noch immer für viele eine Attraktion, aber die »Tage der Sowjetischen Kultur« hatten immer auch einen offiziellen Charakter, waren staatlich organisierte Unterhaltung, allerdings durch einen Staat, von dem sich immer mehr Bürger innerlich abwandten. Sowohl in der Sowjetunion als auch in der DDR lag Veränderung in der Luft. Als zwei Jahre später erstmals ein Konzert mit Bob Dylan im Treptower Park inseriert wurde, waren 81.000 Karten im Handumdrehen ausverkauft. Die euphorische Menge musste lange warten, bis endlich ein übellauniger Sänger erschien und nach einem kurzen, lustlosen Programm wieder grußlos verschwand. Das Alexandrow Ensemble wurde 1985 ganz sicher nicht als progressiver Teil der Jugendkultur wahrgenommen, aber das Publikum durfte sicher sein, unter Boris Alexandrows Leitung mitreißende Künstler in Höchstform zu erleben.

A program to win American audiences

Am 12. September 1989 startet das Alexandrof Ensemble in New York eine Nordamerika-Tour. Neben Quebec, Toront, Montreal, Vancouver und Ottawa in Kanada stehen erstmals auch die großen Metropolen der USA auf dem Programm. In Washington lässt es sich Präsident George Bush nicht nehmen, die kulturellen Botschafter des Friedens persönlich zu treffen. Es ist eine Zeit des Wandels. Der Kalte Krieg scheint ein versöhnliches Ende zu finden. In aller Welt wächst die Hoffnungen, auf eine friedlichere Welt. Mit der Sprache der Musik, leistet das Alexandrow Ensemble auch in dieser gesellschaftlichen Umbruchsphase seinen Beitrag zu gegenseitiger Verständigung und Akzeptanz.

Am Brennpunkt des Zeitgeschehens

Das 20. Jahrhundert ist geprägt von zwei verheerenden Weltkriegen, revolutionären Umwälzungen, dem Zusammenbruch der Kolonialreiche und nachfolgenden Konflikten, in denen sich zwei politische Systeme in unversönlichen Blöcken gegenüber standen. Das Alexandrow Ensemble hat diese Frontlinie immer wieder überwunden. Die sowjetischen Künstler waren auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs populär. In geschichtsträchtigen Momenten standen sie nicht nur auf der Bühne, sondern oft genug auch mitten im politischen Zeitgeschehen. Dieses historische Pressefoto zeigt Musiker des Ensembles bei einem Auftritt am 21.7.1947 vor hochrangigen US-amerikanischen und sowjetischen Verhandlungsdelegationen in Pjöngjang, Korea.

Stilles Gedenken

Vor einem Jahr, am 25. Dezember 2016, stürzte eine russisches Flugzeug kurz nach dem Start ins Schwarze Meer. Es gab keine Überlebenden. An Bord waren auch 64 Sänger, Tänzer und Musiker des Alexandrow Ensembles auf dem Weg zu einem Weihnachtskonzert in Syrien. Dieses Unglück war eine Zäsur in der langen Geschichte des Ensembles. Während Hunderttausende in aller Welt die Toten betrauerten, darunter Künstlerkollegen wie Karel Gott, Mireille Mathieu, die Leningrad Cowboys und der New Yorker Schiller Institute Chorus, war die Berichterstattung in den westlichen Medien auffallend kühl und zuweilen beschämend. Noch am gleichen Abend wurde der Schicksalsschlag von der ARD-Tagesschau zu einer persönlichen Niederlage Wladimir Putins erklärt. Das französische Magazin »Charlie Hebdo«, dem nach einem blutigen Anschlag selbst internationale Anteilnahme zu Teil geworden war, fand in der Tragödie einen willkommenen Anlass, seinen bekanntermaßen geschmacklosen Humor noch einmal selbst zu unterbieten.

Der heilige Krieg – Frieden der Welt

Ernst Busch – Sänger, Schauspieler und Regisseur – war Zeit seines Lebens ein politischer Mensch – an der Seite der Roten Brigaden in Spanien, im Exil nach 1933 und auch noch nach zweijähriger Gestapo-Haft. In der DDR war er einer der Großen, eckte an und machte schließlich mit ihr seinen Frieden. Als Sänger politischer Lieder war er eine Instanz, hoch dekoriert und dennoch glaubwürdig durch seine Biographie. 1967 publizierte er »Der heilige Krieg – Frieden der Welt – Eine Chronik in Liedern, Balladen und Kantaten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts«. Zum Gesang des Alexandrow Ensembles rezitiert Ernst Busch mit seiner machtvollen Stimme »Der Heilige Krieg« in deutscher Fassung von Stephan Hermlin, jenes Lied von Alexander Alexandrow, dass zur Hymne des Sieges über den deutschen Faschismus wurde.

Tauchstation

Klaus Doldinger hat mit seiner Titelmusik zu Wolfgang Petersens Film „Das Boot“ 1981 eine weithin bekannte und unvergessliche Filmmusik erschaffen. Weitgehend unbekannt ist jedoch, dass das Alexandrow Ensemble in diesem Film einem populären, aber längst in Vergessenheit geratenem, irischen Lied wieder neues Leben eingehaucht hat. »It’s a long way to Tipperary«, geschrieben 1912 von Jack Judge, war eines der beliebtesten Soldatenlieder während des 1. Weltkrieges. Das Ensemble feierte damit bereits bei seinem ersten Gastspiel in London, 1956, große Erfolge.

Songs For Free Men

Paul Robeson, am 9.April 1898 als Sohn eines ehemaligen Sklaven geboren, ist nicht nur als Sänger, Schauspieler und späterer Mentor Harry Belafontes bekannt, sondern, durch die Konfrontation mit Rassendiskrimierung geprägt, auch als engagierter Bürgerrechtler. Antworten suchend, führte ihn sein Weg auch in die Sowjetunion der 30iger Jahre, die er fortan mehrfach besuchte. Die Sympathie mit den Kommunisten bescherte ihm in seinem Heimatland USA während der McCarthy-Ära Auftrittsverbote und den Entzug des Reisepasses. Erst 1959 besuchte er erneut die UdSSR und sang sich mit seiner unverwechselbaren Bass-Stimme und dem Lied „The Song About Motherland“ in russischer Sprache zusammen mit dem Alexandrow-Ensemble in die Herzen der Sowjetürger. Das Lied hatte er auf seinem Album „Songs For Free Men“ 1942 bei Columbia Records aufgenommen.

Dmitri Hvorostovsky – 16.10.1952 – 22.10.2017

Es gibt verschiedene Wege zur Unsterblichkeit. Man kann einen Kometen nach sich benennen, oder Menschen emotional mit seinen künstlerischen Fähigkeiten berühren und damit für immer einen Platz in ihren Herzen finden. Dmitri Hvorostovsky ist das gelungen. Als Kosmopolit an den großen Opernhäusern dieser Welt zu Hause, ist er seiner russischen Heimat treu geblieben. Und so betrauern Fans und Kollegen rund um den Globus den Mann mit der großen Stimme, der viel zu früh, im Alter von 55 Jahren, an einem Hirntumor verstorben ist. Noch im Jahre 2016 trat er zusammen mit dem Alexandrow Ensemble auf und sang das berühmte Lied „Zhuravli“ (Frenkel/Gamzatov). Gerne hätten wir ihn mit dem Alexandrow Ensemble hier in Berlin zum Konzert begrüßt. Wir werden diesen großartigen Künstler in unserer Erinnerung behalten.

Die Russen kommen!

Die Frankfurter Konzertagentur Lippmann + Rau hat Größen wie Jimi Hendrix und die Rolling Stones nach Deutschland geholt. Im Jahr 1979 brachten sie das Alexandrow Ensemble erstmals auf die andere Seite des Eisernen Vorhangs. Von März bis Mai gab es 27 Konzerte in 24 Städten (Hamburg, Köln, München, Saarbrücken, Frankfurt, Stuttgart u.a.). Im 50. Jahr seines Bestehens war diese Tournee ein Meilenstein. Seiteher genießt das Ensemble in ganz Deutschland eine hohe künstlerische Akzeptanz beim kulturell interessierten Publikum. In der 46. Folge von Rudi Carells „Am laufenden Band“ präsentierte sich das Künstlerkollektiv zudem mit einem kraftvollen, gut gelaunten Fernsehauftritt.


Telegramm von der Polarstation

Am 21. Mai 1937 brachte ein Flugzeug Iwan Papanin (Polarforscher), Jewgeni Fjodorow (Meteorologe), Pjotr Schirschow (Ozeanologe) und Ernst Krenkel (Funker) in den nördlichen Polarraum. Auf einer großen Eisscholle errichteten sie die Forschungsstation »Nordpol 1«. In 274 Tagen drifteten sie über 2.500 km in die Grönlandsee. Diese Expedition, die erste ihrer Art, war ein wissenschaftliches Prestigeprojekt der Sowjetunion und wurde auch von der internationalen Presse mit Spannung verfolgt. Eine Ausstellungsversion von Papanins Drifteisstation wurde zur gleichen Zeit in Frankreich auf der Weltausstellung präsentiert. Per Funktelegramm sendeten die Forscher im September 1937 einen persönlichen Gruß nach Paris: »Nordpolstation +++ Wir liegen in unseren Schlafsäcken und hören im Radio das Konzert des Rotbanner Ensembles in Paris. Wir sind überglücklich, erstens, weil wir diese uns so lieben Klänge hören und selber mitsingen, und zweitens, weil wir die Begeisterung des Publikums hören, erinnern wir uns an die sensationellen Erfolge des Rotbanner Ensembles. Wir hörten am Nordpol den Applaus in Paris, die Rufe ‚Bravo!‘ und ‚Zugabe!‘. Der enthusiastische Empfang war wohlverdient. Das Ensemble war glanzvoll in der Darbietung seiner besten Lieder. Ihr nördlichstes Publikum sendet herzliche Grüße an das Ensemble und seinen Leiter, Genosse Alexandrow. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg bei der Demonstration unserer sowjetischen Kunst.«

Hinter den Kulissen

Uniformen vermitteln ein strenges Bild und verraten wenig über die Menschen, die in ihnen stecken. Einen liebevollen Blick hinter die Kulissen erlaubte 2013 der polnische Kanal Polska Zbronja während einer Gastspielreise durch mehrere polnische Städte. Zu sehen bekommen wir junge Männer in Jeans – Sänger mit freundlichen, zufriedenen Gesichtern bei der Probe, Tänzer in Trainingskleidung, Techniker beim Soundcheck – Bühnenalltag, wie er sich von anderen kaum unterscheidet. Erst durch Uniformen und Kostüme entsteht das unverwechselbare Erscheinungsbild des Ensembles. Auf der Bühne verschmelzen die Einzelpersonen zu einem organischen kollektiven Ganzen. Hinweis: Ab dem 21. November 2017 ist das Alexandrow-Ensemble in Polen auf Tournee.

God save the Queen

Es ist gute Tradition, dass das Ensemble auf Reisen ein jedes Konzert mit zwei Nationalhymnen beginnt – der des Gastlandes, gefolgt von der eigenen. So war es auch bei der ersten »London Invasion«, 1956, in der Empress Hall. »Der großartige Soldatenchor sang sich in die Herzen des britischen Publikums. Dies war ein vollständiger und unblutiger Sieg der Roten Armee. Und bei all dem waren die Tänzer die Hauptattraktion, denn sie vollführten ihre Sprünge und Drehungen gegen alle Gesetze des Gleichgewichts und der Schwerkraft.« (Daily Sketch). Bei weiteren UK-Tourneen 1963 und 1989 folgen Gastspiele in der Londoner Royal Albert Hall, die auch auf Langspielplatten dokumentiert werden.

Treue Freunde

»Ich lass mir auch heute nicht sagen, wen ich mögen darf und wen nicht!« Wer so zu seinen Freunden steht, gilt als wahrhaft treue Seele und steht zugleich auch zu sich selbst. Trotz politischer Widerstände und opportunistischem Anpassungsdruck verbindet Karel Gott eine langjährige Freundschaft mit dem Alexandrow-Ensemble. Er ist der einzige ausländische Künstler, der bislang die Alexandrow-Medaille verliehen bekam. Im Jahr 2013, zum 85. Jubiläum in Moskau, kam er als musikalischer Gratulant auf die Bühne. Während seiner schweren Erkrankung wirkten die ermunternden Worte seiner Ensemble-Freunde wie heilsame Medizin: »Karel, wir lieben dich. Du hast versprochen bei unserem 90. Jubiläum in Moskau dabei zu sein. Werde gesund! Du schaffst das! Wir sind an deiner Seite!«

Säbeltanz in Prag

Im Anschluss an das Gastspiel während der Weltausstellung in Paris gab das Alexandrow Ensemble ab dem 28. September 1937 acht Konzerte in der Smetana Halle in Prag und zwei Matinées für tschechische Soldaten der Prager Garnison. Im Rahmen eines großen Treffens sudentendeutscher Antifaschisten in Usti nad Labem (Aussig) begrüßte der sozialdemokratische Bürgermeister Leopold Pölzl die sowjetischen Künstler am 1. Oktober 1937 in der größten Sporthalle der Stadt. Die deutschnationale Presse war außer sich. Mehr als 5.000 Zusschauer waren begeistert. Nach dem Krieg kam das Ensemble 1946 wieder nach Prag. 1948 folgte eine erste Tournee durch die Tschechoslovakei. Gastspielreisen in die CSSR standen fortan regelmäßig auf dem Programm. In der Tschechischen Republik hat das Alexandrow Ensemble bis heute einen großen Klang. Zuletzt war es im Sommer 2017 zu Gast.

Palais des Sports – Paris

Im März und April 1960 gastierte das Alexandrow Ensemble im gerade neu eröffneten futuristischen Palais des Sports in Paris. Für die Franzosen ist dies heute ein mythologischer Ort der Musikgeschichte – The Beatles, Rolling Stones, Johnny Hallyday, Pink Floyd, Queen – sie alle hatten dort ihren großen Auftritt. 1963/64, 1967, 1974/75 – das Alexandrow Ensemble wurde immer wieder im Palais des Sports gefeiert und begeisterte mit Gesang und Tanz. Einige der Konzerte sind auf Schallplatten dokumentiert. »Les Choeurs de l’armée Soviétique a Paris« wurde vergoldet und gewann in Frankreich den »Grand Prix National du Disque« des Jahres 1961.

Immer für eine Überraschung gut

Das Ballett des Alexandrow-Ensembles ist bekannt für Tanzszenen, bei denen man geneigt ist, den Atem anzuhalten. Die Gesetze der Schwerkraft scheinen für diese Tänzerinnen und Tänzer nicht zu gelten. Für besondere Überraschungsmomente sorgen sie jedoch auch mit Tanzeinlagen, die völlig unerwartet aus der Rolle fallen. Bei ihrem Gastpiel in Tschechien waren die Zuschauer komplett aus dem Häuschen, als zum Karel Gott- Klassiker „Lady Carneval“ das Ballett mit bunten Samba-Kostümen und einer begeisternden Choreographie die Bühne stürmte – Lebensfreude pur!

Willkommen in Berlin

Ein historisches Filmdokument aus dem Archiv von Michail Kharitonov zeigt das Alexandrow Ensemble bei verschiedenen Gastspiele in Berlin. Besonders anrührend sind die Ausschnitte aus dem Jahr 1948. Sie vermitteln einen lebendigen Eindruck von der mitreißenden Atmosphäre inmitten der Ruinen auf dem Gendarmemarkt. In kurzen Interviewsequenzen aus späteren Jahren schildert Boris Alexandrow seine persönlichen Erinnerungen.

Liebesgrüße für Moskau

Bereits am Anfang ihrer langen Karriere, steht die junge Frau mit der gewaltigen Stimme mit dem prominenten Männerchor auf großer Bühne. Vor 50 Jahren, im Sommer 1967, begibt sich Frankreichs neuer Superstar Mireille Mathieu auf Tournee durch die Sowjetunion. Auftritte mit dem Alexandrow Ensemble werden zum gemeinsamen Triumph. Schon im November des gleichen Jahres gibt es ein freudiges Wiedersehen beim Gastspiel des Chores im Palais de Sport in Paris. Mitten im kalten Krieg lebt die Künstlerin ganz offen ihre Liebe zu dem fernen Land, zu seinen Menschen, zu ihrer Kultur, ihrer Musik. Mit dem Alexandrow Ensemble ist Mireille Mathieu durch ein tiefes künstlerisches Verständnis, durch vielfältige musikalische Kooperationen und auch durch ganz persönliche Freundschaften bis heute eng verbunden. Die kleine Frau und das große Ensemble sind gleichermaßen Weltbürger wie nationale Ikonen, die, über alle Grenzen und politischen Verwerfungen hinweg, seit Jahrzehnten zueinander stehen.


Nemo saltat sobrius, nisi forte insanit cic.

»Niemand tanzte, es sei denn, er wäre verrückt«. Wenn man die spektakulären Beiträge der Tänzer und Tänzerinnen des Alexandrow Ensembles bestaunen darf, scheint dieses klassische Zitat mehr als nur Bestätigung zu finden. 1928 mit lediglich 2 Tänzern gegründet, wuchs die Truppe kontinuierlich, um dann Ende der 1950er Jahre auch Frauen in ihren Reihen aufzunehmen. Seit dem sind die Tänzerinnen und Tänzer neben Chor und Orchester die 3. tragende Säule des Ensembles. Sie bereichern das Programm nicht nur mit Klassikern, wie dem Matrosentanz, dem Kosacken-Tanz und anderen zum ständigen Repertoire gehörenden Tänzen, sondern auch mit aktuellen Darbietungen, die als Wertschätzung für das jeweilige Gastgeberland zu verstehen sind.
Dieses umfangreiche Repertoire ist deshalb möglich, weil man sowohl bei der Auswahl der Choreographen als auch der Tänzerinnen und Tänzer auf hochprofessionell ausgebildete Künstler zurückgreifen kann- oft auf direktem Wege von der Ballettschule des Bolshoi-Theaters. So waren Chefchoreograph Alexandr Radunsky und Georgi Farmanyantz einst selbst Tänzer am Bolshoi, ehe sie dem Ensemble ihr ganzes Wissen und Können zur Verfügung stellten.
Neben der Möglichkeit, aus dem Füllhorn der russischen Folklore mitsamt ihren Tänzen schöpfen zu können, zu denen u.a. der Kasatschok gehört, jener legendäre Tanz im 2/4 Takt mit seiner Prisjadka, bei der die Tänzer in der Hocke jeweils ein Bein vor sich gestreckt halten und dann schnell wechseln und dem legendären russischen Mädchenreigen, bei der die Tänzerinnen wie auf eine Perlenkette gefädelt über die Bühne zu „fahren“ scheinen, können alle Mitglieder des Corps dank ihrer Ausbildung mühelos Szenen aus berühmten Opern wie Mussorgskis „Boris Godunov“ und Borodins „Prinz Igor“ tanzen. Auch Sequenzen internationaler Tänze wie Samba und Tänze der Roma, seinerzeit durch Chefchoreographen Usher Khmelnitzky ins Repertoire eingebracht, werden künstlerisch umgesetzt.

Kalinka in New York City

Irving Prosky und Herbert Harris gründeten 1939 in New York das Label Stinson Records. Zu dieser Zeit fand in der amerikanischen Metropole die Internationale Weltausstellung statt und Stinson Records schlossen mit sowjetischen Vertretern einen Vertrag, der ihnen die exklusiven Vertriebsrechte des Alexandrow Ensembles für die USA einräumte. Im Jahr 1942 erschien das Album des Red Army Song And Dance Ensembles »The Red Army Sings« mit 12 Liedern auf 6 Schellackplatten. Das Cover zeigt die Musiker bei einem Besuch der kämpfenden Truppe an der Front. Die Sowjetunion war seit einem Jahr im Krieg und mit den USA und Großbritannien ein Teil der Anti-Hitler-Koalition.

Happy Together!

Der 18. Juni 1994 war ein warmer Sommertag. Schon am Nachmittag füllte sich der Lustgarten am Berliner Dom vor einer großen Bühne, die vor dem Alten Museum errichtet war. Gegen 20 Uhr war der Platz mit Zehntausenden dicht gefüllt. Was dann losbrach, hatte die Stadt noch nicht erlebt. Zehn verwegene Finnen, die Frisuren so spitz wie ihre Schuhe, rockten los, vor einer Schallmauer aus 120 strammen Offizieren, die bei jedem Refrain einem wahren Orkan anheben ließen. Nie zuvor sah man den Chor der Roten Armee so ungezwungen und fröhlich in einem so entfesselten Repertoire schwelgen. »Happy Together«, »Gimme All Your Lovin« und »Stairway To Heaven« markierten auch für das sowjetische Ensemble ein verheißungsvollen Wandel in einer Welt ohne Mauern und Vorurteile. Gemeinsam mit den Leningrad Cowboys hatten sie zuvor das größte Konzert in Finnland vor 70.000 Besuchern in Helsinki gespielt. Aki Kaurusmäki drehte dazu den Konzertfilm. Gemeinsam gingen die Cowboys mit den Alexandrows auch ins Studio. »Happy Togehter« konservierte den Zauber des Augenblicks, die Zuversicht einer Zeit, die heute leider längst vergangen scheint.

Leonid Kharitonow 18.9.1933 – 19.9.2017

Heute trauern wir um Leonid Kharitonow, den großartigen Bassbariton, der von 1953 bis 1972 zu den prägenden Sängern und Solisten des Alexandrow Ensembles gehörte. Wir hatten die Hoffnung, dass wir ihm in Vorbereitung dieser Ausstellung in Moskau persönlich begegnen könnten, denn Leonid Kharitonow steht mitten in der Geschichte des Alexandrow Ensembles. Damit wird er für immer unvergessen sein. Wir danken Michail Kharitonow herzlich für die Fotos: www.lkharitonov.com

Grand Prix in Paris

1937 traf sich die Welt noch einmal friedlich in Paris, um Visionen von Kunst, Technik und modernem Leben zu formulieren. 34 Millionen Menschen besuchten die Weltausstellung rund um den Eiffelturm. Am Ufer der Seine standen sich zwei monumentale Pavillons drohend gegenüber. Auf dem deutschen Pavillon des Architekten Albert Speer thronte der Reichsadler auf einem Hakenkreuz. Auf dem sowjetischen Pavillon schritten ihm »Der Arbeiter und die Bäuerin« der Bildhauerein Wera Muchina furchtlos entgegen. Im September 1937 gastierte das Alexandrow Ensemble im Rahmenprogramm der Weltausstellung erstmals in Paris. Unter der Leitung von Alexander Alexandrow wurde das Gastspiel ein triumphaler Erfolg, der mit dem Grand Prix der Weltausstellung gewürdigt wurde. Ein Jahr später war das Ensemble ein weiteres Mal in Paris. Dabei entstanden auch Tonaufnahmen, die bis heute erhalten geblieben sind.

Im schönsten Wiesengrunde

Sommer in der zerstörten Stadt. Tausende Berliner versammeln sich auf dem Gendarmenmarkt und viele erklimmen zur besseren Sicht die umstehenden Ruinen. Auf großer Bühne spielt das Alexandrow Ensemble – Männer in Uniform – Chor und Orchester der Roten Armee. Am 18. August 1948 singen Sieger für Besiegte. Die Befreier sind nun Besatzer. Berlin ist längst eine geteilte Stadt. Vier Sektoren markieren das politische Weltgeschehen. Das Konzert vor dem ausgebrannten Schauspielhaus dirigiert Boris Alexandrow, Sohn und Nachfolger des Ensemble-Gründers. Als Wiktor Nikitin »Kalinka« singt, sind alle aus dem Häuschen. Als er auf deutsch »Im schönsten Wiesengrunde« anstimmt, verstehen die Berliner die großherzige Geste – Sieger und Besiegte müssen nicht auf ewig Feinde sein.