Nie zuvor gese­hen

Im welt­wei­ten Netz stie­ßen wir auf eine außer­ge­wöhn­li­che Rari­tät – eine Schel­lack­plat­te aus dem Jahr 1938 mit zwei Lie­dern des Alexandrow-Ensembles. Das wirk­lich Unge­wöhn­li­che dar­an ist die bei­der­seits far­bi­ge Gestal­tung, die die ver­schie­de­nen Waf­fen­gat­tun­gen der Roten Armee dar­stellt. Auf unse­re spon­ta­ne Anfra­ge gab es sofort eine freund­li­che Ant­wort und Vale­ry Ste­fa­no­vich aus Mos­kau sen­de­te uns Foto­gra­fi­en des kost­ba­ren Stü­ckes, die wir hier auf unse­rer Web­sei­te und auch in der Aus­stel­lung zei­gen dür­fen. Dafür dan­ken wir sehr herz­lich und sen­den bes­te Wün­sche nach Mos­kau!

Über das Meer in die Welt hin­aus

Das ers­te inter­na­tio­na­le Gast­spiel führt das Ensem­ble im Jahr 1937 zur Welt­aus­stel­lung nach Paris. Schon an Bord des Damp­fers Smol­ny gibt es ein Kon­zert auf hoher See. 175 Ensemble-Mitglieder spie­len für das Bord­per­so­nal und 45 Jour­na­lis­ten und aus­er­wähl­te Rei­se­ka­der. In Frank­reich ange­kom­men, gibt es am 9. Sep­tem­ber in Paris ein spek­ta­ku­lä­res Kon­zert vor 2.500 Hono­ra­tio­ren, hoch­ran­gi­gen Diplo­ma­ten und inter­na­tio­na­len Pres­se­ver­tre­tern im Salle Pleyel. An vier wei­te­ren Tagen begeis­tern die Sän­ger und Tän­zer das Pari­ser Publi­kum. Das Rot­ban­ner Ensem­ble wird mit einem »Grand Prix« der Welt­aus­stel­lung geehrt. Es folg­ten Kon­zer­te in Lil­le und Lyon.

Rendez-vous for Peace

Der kana­di­sche Kom­po­nist, Arran­geur und Pro­du­zent David Fos­ter nimmt am 7. Febru­ar 1987 den Titel »Ren­dez­vous For Peace – Love Lights The World« auf, bei dem er selbst mit dem Alexandrow-Chor im Duett singt. Der Titel wird als Vinyl-Single publi­ziert. Er ist die Auf­takt­me­lo­die für das gro­ße Rendez-vous ’87. Zwei Eishockey-Freundschaftsspiele der Nal­mann­schaft der UdSSR gegen ein All-Star-Team der nord­ame­ri­ka­ni­schen Pro­fi­li­ga NHL ste­hen in Que­bec, Kana­da, auf dem Pro­gramm. Am 11. Febru­ar gewin­nen die Kana­di­er 4:3. Zwei Tage spä­ter revan­chie­ren sich die Gäs­te mit einem 5:3-Sieg. Das Alex­an­d­row Ensem­ble gas­tiert noch eini­ge Wochen in Kana­da. Am 7. März 1987 wird ein Kon­zert in Van­cou­ver auf­ge­zeich­net und als Album »Live At Orphe­um« ver­öf­fent­licht.

Meinst du, die Rus­sen wol­len Krieg?

Am 12. April 1961 star­tet mit Wos­tok 1 zum ers­ten Mal ein Mensch ins All. Um 8.55 Uhr lan­det Juri Ale­xe­je­witsch Gaga­rin nach einer Erd­um­run­dung sicher auf hei­mat­li­chem Boden. Im Kampf der Sys­te­me sorgt die sowje­ti­sche Raum­fahrt mit die­sem Coup ein­mal mehr für inter­na­tio­na­les Pres­ti­ge. Der klei­ne Kos­mo­naut wird über Nacht zur Iko­ne einer neu­en Zeit. Ver­we­gen, kom­pe­tent und immer fröh­lich – so sieht er aus, der sozia­lis­ti­sche Mensch. Die Luft­fahrt­ge­sell­schaft Aero­flot publi­ziert eine Schall­plat­te mit vier Lie­dern des Alex­an­d­row Ensem­bles, die Gaga­rins Tri­umph gewid­met ist. »Meinst du, die Rus­sen wol­len Krieg?« ist das jüngs­te Werk des Dich­ters Jew­ge­ni Jew­tu­schen­ko. Edu­ard Kolo­ma­now­sky ver­tont das Poem. Das Alex­an­d­row Ensem­ble lie­fert damit ein musi­ka­li­sches Bekennt­nis zum Frie­den auf Erden und zur fried­li­chen Erobe­rung des Welt­alls.

Fried­lich ver­eint im Welt­all

Didier Maroua­ni zählt zu den Pio­nie­ren der elek­tro­ni­schen Pop­mu­sik. 1977 lan­det sei­ne Band SPACE mit ihrem ers­ten Album einen ech­ten Hit. »Magic Fly« treibt rund um den Erd­ball die Meschen auf die Tanz­flä­chen. Von Dezem­ber 1986 bis Juli 1987 pro­du­ziert Maroua­ni sein ambi­tio­nier­tes­tes Werk. Auf »Space Ope­ra« bringt der Fran­zo­se den Chor des Alex­an­d­row Ensem­bles (UdSSR) und den Havard Uni­ver­si­ty Glee Club Choir (USA) zusam­men. Um die Sym­bol­kraft die­ses inter­na­tio­na­len Pro­jek­tes noch zu stei­gern, star­tet die­se ers­te Oper für Chor­ge­sang und Syn­thes­hi­zer mit einer sowje­ti­schen Rake­te ins All. Auf der Raum­sta­ti­on MIR erlebt das neue Medi­um CD mit »Space Ope­ra« sei­ne Welt­all­pre­mie­re.

L’italiano

Im Febru­ar 1964 begibt sich das Alex­an­d­row Ensem­ble erst­mals auf Tour­nee nach Ita­li­en. Unter Arbei­tern, Intel­lek­tu­el­len, Kunst- und Kul­tur­schaf­fen ist in jenen Jah­ren ein kom­pro­miss­lo­ser Anti­fa­schis­mus in Ita­li­en fest eta­bliert und die kom­mu­nis­ti­sche Par­tei ist eine der stärks­ten in West­eu­ro­pa. Mit dem Alex­an­d­row Ensem­ble wer­den so immer auch die Sie­ger des II. Welt­krie­ges und die ver­meint­li­chen Sie­ger der Geschich­te gefei­ert. Die künst­le­ri­sche Akzep­tanz über­dau­ert den Zer­fall der Sowjet­uni­on und den Nie­der­gang der ita­lie­ni­schen Lin­ken. Im Jahr 2009 geht der Sän­ger Toto Cotug­no mit dem Ensem­ble in Russ­land auf Tour. Beim Fes­ti­val in San­re­mo tre­ten sie 2013 gemein­sam auf. Im Jahr 2016 hin­dern den ita­lie­ni­schen Sän­ger ander­wei­ti­ge Ver­pflich­tun­gen dar­an, mit dem Alex­an­d­row Ensem­ble die rus­si­schen Trup­pen in Syri­en zu besu­chen. Um so mehr ist er scho­ckiert, als er vom tra­gi­schen Unglück sei­ner Freun­de erfah­ren muss.

Alex­an­d­rows Meis­ter­stück

Mit Beginn des Kriegs­jah­res 1944 wur­de eine neue sowje­ti­sche Natio­nal­hym­ne ein­ge­führt. Die Kom­po­si­ti­on Alex­an­der Alex­an­d­rows basier­te auf der Hym­ne der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei, die bereits seit 1938 im Gebrauch war. Auf Wei­sung Josef Sta­lins adap­tier­te Alex­an­d­row das kraft­vol­le Werk. Der patrio­ti­sche Text von Ser­gej Mich­al­kow (19132009) und Gabri­el El-Registan (18991945) hul­dig­te nicht nur dem frei­en Wil­len der ver­ein­ten Völ­ker, son­dern auch Lenin, Sta­lin und der sieg­rei­chen Roten Armee. Erst 1977 wur­de Sta­lin durch eine über­ar­bei­te­te Text­fas­sung Mich­al­kows aus der Hym­ne getilgt. Mit dem Ende der Sowjet­uni­on wur­de 1991 auch die Natio­nal­hym­ne außer Dienst gestellt. Im Jahr 2001, in Wla­di­mir Putins ers­ter Amts­zeit, wur­de aus Alex­an­der Alex­an­d­rows Hym­ne der Sowjet­uni­on die Hym­ne der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on. Ser­gej Mich­al­kow selbst pass­te den Text ein letz­tes Mal der neu­en Zeit an. Seit­her ver­traut die Rus­si­che Natio­nal­hym­ne auf Got­tes Bei­stand und nicht mehr auf Lenin, der den Weg erleuch­tet. Trotz all die­ser Wech­sel­fäl­le der Geschich­te blieb eines unver­än­dert – Alex­an­der Alex­an­d­rows Musik. Macht­voll, selbst­be­wusst und zutiefst emo­tio­nal reprä­sen­tiert sie die kul­tu­rel­le Iden­ti­tät einer gan­zen Nati­on. Seit dem Jahr 1944 ist die Hym­ne ein fes­ter Bestand­teil im Reper­toire des Alex­an­d­row Ensem­bles.

Ber­lin 1985

Am 19. Mai 1985 gab das Alex­an­d­row Ensem­ble ein wei­te­res Mal bei strah­len­dem Son­nen­schein vor 50.000 begeis­ter­ten Zuschau­ern ein Kon­zert in der his­to­ri­schen Mit­te Ber­lins. Wie schon im August 1948, wur­de auch dies­mal die Büh­ne vor dem Schau­spiel­haus errich­tet. Der Platz der Aka­de­mie (heu­te wie­der Gen­dar­men­markt) hat­te sich seit damals jedoch sehr ver­än­dert. Die letz­ten Rui­nen des Krie­ges waren rings­um ver­schwun­den. Das Schau­spiel­haus, der Deutsche- und der Fran­zö­si­sche Dom wur­den im Jahr zuvor nach lan­ger Rekon­struk­ti­on wie­der­öff­net. Das Alex­an­d­row Ensem­ble war noch immer für vie­le eine Attrak­ti­on, aber die »Tage der Sowje­ti­schen Kul­tur« hat­ten immer auch einen offi­zi­el­len Cha­rak­ter, waren staat­lich orga­ni­sier­te Unter­hal­tung, aller­dings durch einen Staat, von dem sich immer mehr Bür­ger inner­lich abwand­ten. Sowohl in der Sowjet­uni­on als auch in der DDR lag Ver­än­de­rung in der Luft. Als zwei Jah­re spä­ter erst­mals ein Kon­zert mit Bob Dyl­an im Trep­tower Park inse­riert wur­de, waren 81.000 Kar­ten im Hand­um­dre­hen aus­ver­kauft. Die eupho­ri­sche Men­ge muss­te lan­ge war­ten, bis end­lich ein übel­lau­ni­ger Sän­ger erschien und nach einem kur­zen, lust­lo­sen Pro­gramm wie­der gruß­los ver­schwand. Das Alex­an­d­row Ensem­ble wur­de 1985 ganz sicher nicht als pro­gres­si­ver Teil der Jugend­kul­tur wahr­ge­nom­men, aber das Publi­kum durf­te sicher sein, unter Boris Alex­an­d­rows Lei­tung mit­rei­ßen­de Künst­ler in Höchst­form zu erle­ben.

A pro­gram to win Ame­ri­can audi­en­ces

Am 12. Sep­tem­ber 1989 star­tet das Alex­an­drof Ensem­ble in New York eine Nordamerika-Tour. Neben Que­bec, Toront, Mont­re­al, Van­cou­ver und Otta­wa in Kana­da ste­hen erst­mals auch die gro­ßen Metro­po­len der USA auf dem Pro­gramm. In Washing­ton lässt es sich Prä­si­dent Geor­ge Bush nicht neh­men, die kul­tu­rel­len Bot­schaf­ter des Frie­dens per­sön­lich zu tref­fen. Es ist eine Zeit des Wan­dels. Der Kal­te Krieg scheint ein ver­söhn­li­ches Ende zu fin­den. In aller Welt wächst die Hoff­nun­gen, auf eine fried­li­che­re Welt. Mit der Spra­che der Musik, leis­tet das Alex­an­d­row Ensem­ble auch in die­ser gesell­schaft­li­chen Umbruchs­pha­se sei­nen Bei­trag zu gegen­sei­ti­ger Ver­stän­di­gung und Akzep­tanz.

Am Brenn­punkt des Zeit­ge­sche­hens

Das 20. Jahr­hun­dert ist geprägt von zwei ver­hee­ren­den Welt­krie­gen, revo­lu­tio­nä­ren Umwäl­zun­gen, dem Zusam­men­bruch der Kolo­ni­al­rei­che und nach­fol­gen­den Kon­flik­ten, in denen sich zwei poli­ti­sche Sys­te­me in unver­sön­li­chen Blö­cken gegen­über stan­den. Das Alex­an­d­row Ensem­ble hat die­se Front­li­nie immer wie­der über­wun­den. Die sowje­ti­schen Künst­ler waren auf bei­den Sei­ten des Eiser­nen Vor­hangs popu­lär. In geschichts­träch­ti­gen Momen­ten stan­den sie nicht nur auf der Büh­ne, son­dern oft genug auch mit­ten im poli­ti­schen Zeit­ge­sche­hen. Die­ses his­to­ri­sche Pres­se­fo­to zeigt Musi­ker des Ensem­bles bei einem Auf­tritt am 21.7.1947 vor hoch­ran­gi­gen US-amerikanischen und sowje­ti­schen Ver­hand­lungs­de­le­ga­tio­nen in Pjöng­jang, Korea.