Stil­les Geden­ken

Vor einem Jahr, am 25. Dezem­ber 2016, stürz­te eine rus­si­sches Flug­zeug kurz nach dem Start ins Schwar­ze Meer. Es gab kei­ne Über­le­ben­den. An Bord waren auch 64 Sän­ger, Tän­zer und Musi­ker des Alex­an­d­row Ensem­bles auf dem Weg zu einem Weih­nachts­kon­zert in Syri­en. Die­ses Unglück war eine Zäsur in der lan­gen Geschich­te des Ensem­bles. Wäh­rend Hun­dert­tau­sen­de in aller Welt die Toten betrau­er­ten, dar­un­ter Künst­ler­kol­le­gen wie Karel Gott, Mireil­le Mathieu, die Lenin­grad Cow­boys und der New Yor­ker Schil­ler Insti­tu­te Cho­rus, war die Bericht­erstat­tung in den west­li­chen Medi­en auf­fal­lend kühl und zuwei­len beschä­mend. Noch am glei­chen Abend wur­de der Schick­sals­schlag von der ARD-Tagesschau zu einer per­sön­li­chen Nie­der­la­ge Wla­di­mir Putins erklärt. Das fran­zö­si­sche Maga­zin »Char­lie Heb­do«, dem nach einem blu­ti­gen Anschlag selbst inter­na­tio­na­le Anteil­nah­me zu Teil gewor­den war, fand in der Tra­gö­die einen will­kom­me­nen Anlass, sei­nen bekann­ter­ma­ßen geschmack­lo­sen Humor noch ein­mal selbst zu unter­bie­ten.

Der hei­li­ge Krieg – Frie­den der Welt

Ernst Busch – Sän­ger, Schau­spie­ler und Regis­seur – war Zeit sei­nes Lebens ein poli­ti­scher Mensch – an der Sei­te der Roten Bri­ga­den in Spa­ni­en, im Exil nach 1933 und auch noch nach zwei­jäh­ri­ger Gestapo-Haft. In der DDR war er einer der Gro­ßen, eck­te an und mach­te schließ­lich mit ihr sei­nen Frie­den. Als Sän­ger poli­ti­scher Lie­der war er eine Instanz, hoch deko­riert und den­noch glaub­wür­dig durch sei­ne Bio­gra­phie. 1967 publi­zier­te er »Der hei­li­ge Krieg – Frie­den der Welt – Eine Chro­nik in Lie­dern, Bal­la­den und Kan­ta­ten aus der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts«. Zum Gesang des Alex­an­d­row Ensem­bles rezi­tiert Ernst Busch mit sei­ner macht­vol­len Stim­me »Der Hei­li­ge Krieg« in deut­scher Fas­sung von Ste­phan Hermlin, jenes Lied von Alex­an­der Alex­an­d­row, dass zur Hym­ne des Sie­ges über den deut­schen Faschis­mus wur­de.

Tauch­sta­ti­on

Klaus Dol­din­ger hat mit sei­ner Titel­mu­sik zu Wolf­gang Peter­sens Film „Das Boot“ 1981 eine weit­hin bekann­te und unver­gess­li­che Film­mu­sik erschaf­fen. Weit­ge­hend unbe­kannt ist jedoch, dass das Alex­an­d­row Ensem­ble in die­sem Film einem popu­lä­ren, aber längst in Ver­ges­sen­heit gera­te­nem, iri­schen Lied wie­der neu­es Leben ein­ge­haucht hat. »It’s a long way to Tip­pera­ry«, geschrie­ben 1912 von Jack Judge, war eines der belieb­tes­ten Sol­da­ten­lie­der wäh­rend des 1. Welt­krie­ges. Das Ensem­ble fei­er­te damit bereits bei sei­nem ers­ten Gast­spiel in Lon­don, 1956, gro­ße Erfol­ge.

Songs For Free Men

Paul Robe­son, am 9.April 1898 als Sohn eines ehe­ma­li­gen Skla­ven gebo­ren, ist nicht nur als Sän­ger, Schau­spie­ler und spä­te­rer Men­tor Har­ry Bela­fon­tes bekannt, son­dern, durch die Kon­fron­ta­ti­on mit Ras­sen­dis­kri­mie­rung geprägt, auch als enga­gier­ter Bür­ger­recht­ler. Ant­wor­ten suchend, führ­te ihn sein Weg auch in die Sowjet­uni­on der 30iger Jah­re, die er fort­an mehr­fach besuch­te. Die Sym­pa­thie mit den Kom­mu­nis­ten bescher­te ihm in sei­nem Hei­mat­land USA wäh­rend der McCarthy-Ära Auf­tritts­ver­bo­te und den Ent­zug des Rei­se­pas­ses. Erst 1959 besuch­te er erneut die UdSSR und sang sich mit sei­ner unver­wech­sel­ba­ren Bass-Stimme und dem Lied „The Song About Mother­land“ in rus­si­scher Spra­che zusam­men mit dem Alexandrow-Ensemble in die Her­zen der Sowje­tür­ger. Das Lied hat­te er auf sei­nem Album „Songs For Free Men“ 1942 bei Colum­bia Records auf­ge­nom­men.

Dmi­tri Hvor­ostovs­ky – 16.10.195222.10.2017

Es gibt ver­schie­de­ne Wege zur Unsterb­lich­keit. Man kann einen Kome­ten nach sich benen­nen, oder Men­schen emo­tio­nal mit sei­nen künst­le­ri­schen Fähig­kei­ten berüh­ren und damit für immer einen Platz in ihren Her­zen fin­den. Dmi­tri Hvor­ostovs­ky ist das gelun­gen. Als Kos­mo­po­lit an den gro­ßen Opern­häu­sern die­ser Welt zu Hau­se, ist er sei­ner rus­si­schen Hei­mat treu geblie­ben. Und so betrau­ern Fans und Kol­le­gen rund um den Glo­bus den Mann mit der gro­ßen Stim­me, der viel zu früh, im Alter von 55 Jah­ren, an einem Hirn­tu­mor ver­stor­ben ist. Noch im Jah­re 2016 trat er zusam­men mit dem Alex­an­d­row Ensem­ble auf und sang das berühm­te Lied „Zhu­rav­li“ (Frenkel/Gamzatov). Ger­ne hät­ten wir ihn mit dem Alex­an­d­row Ensem­ble hier in Ber­lin zum Kon­zert begrüßt. Wir wer­den die­sen groß­ar­ti­gen Künst­ler in unse­rer Erin­ne­rung behal­ten.

Die Rus­sen kom­men!

Die Frank­fur­ter Kon­zert­agen­tur Lipp­mann + Rau hat Grö­ßen wie Jimi Hen­drix und die Rol­ling Stones nach Deutsch­land geholt. Im Jahr 1979 brach­ten sie das Alex­an­d­row Ensem­ble erst­mals auf die ande­re Sei­te des Eiser­nen Vor­hangs. Von März bis Mai gab es 27 Kon­zer­te in 24 Städ­ten (Ham­burg, Köln, Mün­chen, Saar­brü­cken, Frank­furt, Stutt­gart u.a.). Im 50. Jahr sei­nes Bestehens war die­se Tour­nee ein Mei­len­stein. Seite­her genießt das Ensem­ble in ganz Deutsch­land eine hohe künst­le­ri­sche Akzep­tanz beim kul­tu­rell inter­es­sier­ten Publi­kum. In der 46. Fol­ge von Rudi Carells „Am lau­fen­den Band“ prä­sen­tier­te sich das Künst­ler­kol­lek­tiv zudem mit einem kraft­vol­len, gut gelaun­ten Fern­seh­auf­tritt.


Tele­gramm von der Polar­sta­ti­on

Am 21. Mai 1937 brach­te ein Flug­zeug Iwan Papa­nin (Polar­for­scher), Jew­ge­ni Fjo­do­row (Meteo­ro­lo­ge), Pjotr Schirschow (Ozea­no­lo­ge) und Ernst Kren­kel (Fun­ker) in den nörd­li­chen Polar­raum. Auf einer gro­ßen Eis­schol­le errich­te­ten sie die For­schungs­sta­ti­on »Nord­pol 1«. In 274 Tagen drif­te­ten sie über 2.500 km in die Grön­land­see. Die­se Expe­di­ti­on, die ers­te ihrer Art, war ein wis­sen­schaft­li­ches Pres­ti­ge­pro­jekt der Sowjet­uni­on und wur­de auch von der inter­na­tio­na­len Pres­se mit Span­nung ver­folgt. Eine Aus­stel­lungs­ver­si­on von Papa­nins Drift­eis­sta­ti­on wur­de zur glei­chen Zeit in Frank­reich auf der Welt­aus­stel­lung prä­sen­tiert. Per Funk­te­le­gramm sen­de­ten die For­scher im Sep­tem­ber 1937 einen per­sön­li­chen Gruß nach Paris: »Nord­pol­sta­ti­on +++ Wir lie­gen in unse­ren Schlaf­sä­cken und hören im Radio das Kon­zert des Rot­ban­ner Ensem­bles in Paris. Wir sind über­glück­lich, ers­tens, weil wir die­se uns so lie­ben Klän­ge hören und sel­ber mit­sin­gen, und zwei­tens, weil wir die Begeis­te­rung des Publi­kums hören, erin­nern wir uns an die sen­sa­tio­nel­len Erfol­ge des Rot­ban­ner Ensem­bles. Wir hör­ten am Nord­pol den Applaus in Paris, die Rufe ‚Bra­vo!‘ und ‚Zuga­be!‘. Der enthu­si­as­ti­sche Emp­fang war wohl­ver­dient. Das Ensem­ble war glanz­voll in der Dar­bie­tung sei­ner bes­ten Lie­der. Ihr nörd­lichs­tes Publi­kum sen­det herz­li­che Grü­ße an das Ensem­ble und sei­nen Lei­ter, Genos­se Alex­an­d­row. Wir wün­schen Ihnen wei­ter­hin viel Erfolg bei der Demons­tra­ti­on unse­rer sowje­ti­schen Kunst.«

Hin­ter den Kulis­sen

Uni­for­men ver­mit­teln ein stren­ges Bild und ver­ra­ten wenig über die Men­schen, die in ihnen ste­cken. Einen lie­be­vol­len Blick hin­ter die Kulis­sen erlaub­te 2013 der pol­ni­sche Kanal Pol­s­ka Zbron­ja wäh­rend einer Gast­spiel­rei­se durch meh­re­re pol­ni­sche Städ­te. Zu sehen bekom­men wir jun­ge Män­ner in Jeans – Sän­ger mit freund­li­chen, zufrie­de­nen Gesich­tern bei der Pro­be, Tän­zer in Trai­nings­klei­dung, Tech­ni­ker beim Sound­check – Büh­nen­all­tag, wie er sich von ande­ren kaum unter­schei­det. Erst durch Uni­for­men und Kos­tü­me ent­steht das unver­wech­sel­ba­re Erschei­nungs­bild des Ensem­bles. Auf der Büh­ne ver­schmel­zen die Ein­zel­per­so­nen zu einem orga­ni­schen kol­lek­ti­ven Gan­zen. Hin­weis: Ab dem 21. Novem­ber 2017 ist das Alexandrow-Ensemble in Polen auf Tour­nee.

God save the Queen

Es ist gute Tra­di­ti­on, dass das Ensem­ble auf Rei­sen ein jedes Kon­zert mit zwei Natio­nal­hym­nen beginnt – der des Gast­lan­des, gefolgt von der eige­nen. So war es auch bei der ers­ten »Lon­don Inva­si­on«, 1956, in der Empress Hall. »Der groß­ar­ti­ge Sol­da­ten­chor sang sich in die Her­zen des bri­ti­schen Publi­kums. Dies war ein voll­stän­di­ger und unblu­ti­ger Sieg der Roten Armee. Und bei all dem waren die Tän­zer die Haupt­at­trak­ti­on, denn sie voll­führ­ten ihre Sprün­ge und Dre­hun­gen gegen alle Geset­ze des Gleich­ge­wichts und der Schwer­kraft.« (Dai­ly Sketch). Bei wei­te­ren UK-Tourneen 1963 und 1989 fol­gen Gast­spie­le in der Lon­do­ner Roy­al Albert Hall, die auch auf Lang­spiel­plat­ten doku­men­tiert wer­den.

Treue Freun­de

»Ich lass mir auch heu­te nicht sagen, wen ich mögen darf und wen nicht!« Wer so zu sei­nen Freun­den steht, gilt als wahr­haft treue See­le und steht zugleich auch zu sich selbst. Trotz poli­ti­scher Wider­stän­de und oppor­tu­nis­ti­schem Anpas­sungs­druck ver­bin­det Karel Gott eine lang­jäh­ri­ge Freund­schaft mit dem Alexandrow-Ensemble. Er ist der ein­zi­ge aus­län­di­sche Künst­ler, der bis­lang die Alexandrow-Medaille ver­lie­hen bekam. Im Jahr 2013, zum 85. Jubi­lä­um in Mos­kau, kam er als musi­ka­li­scher Gra­tu­lant auf die Büh­ne. Wäh­rend sei­ner schwe­ren Erkran­kung wirk­ten die ermun­tern­den Wor­te sei­ner Ensemble-Freunde wie heil­sa­me Medi­zin: »Karel, wir lie­ben dich. Du hast ver­spro­chen bei unse­rem 90. Jubi­lä­um in Mos­kau dabei zu sein. Wer­de gesund! Du schaffst das! Wir sind an dei­ner Sei­te!«