Palais des Sports – Paris

Im März und April 1960 gas­tier­te das Alex­an­d­row Ensem­ble im gera­de neu eröff­ne­ten futu­ris­ti­schen Palais des Sports in Paris. Für die Fran­zo­sen ist dies heu­te ein mytho­lo­gi­scher Ort der Musik­ge­schich­te – The Beat­les, Rol­ling Stones, John­ny Hal­ly­day, Pink Floyd, Queen – sie alle hat­ten dort ihren gro­ßen Auf­tritt. 1963/64, 1967, 1974/75 – das Alex­an­d­row Ensem­ble wur­de immer wie­der im Palais des Sports gefei­ert und begeis­ter­te mit Gesang und Tanz. Eini­ge der Kon­zer­te sind auf Schall­plat­ten doku­men­tiert. »Les Choeurs de l’armée Sovié­tique a Paris« wur­de ver­gol­det und gewann in Frank­reich den »Grand Prix Natio­nal du Dis­que« des Jah­res 1961.

Immer für eine Über­ra­schung gut

Das Bal­lett des Alexandrow-Ensembles ist bekannt für Tanz­sze­nen, bei denen man geneigt ist, den Atem anzu­hal­ten. Die Geset­ze der Schwer­kraft schei­nen für die­se Tän­ze­rin­nen und Tän­zer nicht zu gel­ten. Für beson­de­re Über­ra­schungs­mo­men­te sor­gen sie jedoch auch mit Tanz­ein­la­gen, die völ­lig uner­war­tet aus der Rol­le fal­len. Bei ihrem Gast­piel in Tsche­chi­en waren die Zuschau­er kom­plett aus dem Häus­chen, als zum Karel Gott- Klas­si­ker „Lady Car­ne­val“ das Bal­lett mit bun­ten Samba-Kostümen und einer begeis­tern­den Cho­reo­gra­phie die Büh­ne stürm­te – Lebens­freu­de pur!

Will­kom­men in Ber­lin

Ein his­to­ri­sches Film­do­ku­ment aus dem Archiv von Michail Kha­ri­to­nov zeigt das Alex­an­d­row Ensem­ble bei ver­schie­de­nen Gast­spie­le in Ber­lin. Beson­ders anrüh­rend sind die Aus­schnit­te aus dem Jahr 1948. Sie ver­mit­teln einen leben­di­gen Ein­druck von der mit­rei­ßen­den Atmo­sphä­re inmit­ten der Rui­nen auf dem Gen­dar­me­markt. In kur­zen Inter­view­se­quen­zen aus spä­te­ren Jah­ren schil­dert Boris Alex­an­d­row sei­ne per­sön­li­chen Erin­ne­run­gen.

Lie­bes­grü­ße für Mos­kau

Bereits am Anfang ihrer lan­gen Kar­rie­re, steht die jun­ge Frau mit der gewal­ti­gen Stim­me mit dem pro­mi­nen­ten Män­ner­chor auf gro­ßer Büh­ne. Vor 50 Jah­ren, im Som­mer 1967, begibt sich Frank­reichs neu­er Super­star Mireil­le Mathieu auf Tour­nee durch die Sowjet­uni­on. Auf­trit­te mit dem Alex­an­d­row Ensem­ble wer­den zum gemein­sa­men Tri­umph. Schon im Novem­ber des glei­chen Jah­res gibt es ein freu­di­ges Wie­der­se­hen beim Gast­spiel des Cho­res im Palais de Sport in Paris. Mit­ten im kal­ten Krieg lebt die Künst­le­rin ganz offen ihre Lie­be zu dem fer­nen Land, zu sei­nen Men­schen, zu ihrer Kul­tur, ihrer Musik. Mit dem Alex­an­d­row Ensem­ble ist Mireil­le Mathieu durch ein tie­fes künst­le­ri­sches Ver­ständ­nis, durch viel­fäl­ti­ge musi­ka­li­sche Koope­ra­tio­nen und auch durch ganz per­sön­li­che Freund­schaf­ten bis heu­te eng ver­bun­den. Die klei­ne Frau und das gro­ße Ensem­ble sind glei­cher­ma­ßen Welt­bür­ger wie natio­na­le Iko­nen, die, über alle Gren­zen und poli­ti­schen Ver­wer­fun­gen hin­weg, seit Jahr­zehn­ten zuein­an­der ste­hen.


Nemo saltat sobri­us, nisi for­te insa­nit cic.

»Nie­mand tanz­te, es sei denn, er wäre ver­rückt«. Wenn man die spek­ta­ku­lä­ren Bei­trä­ge der Tän­zer und Tän­ze­rin­nen des Alex­an­d­row Ensem­bles bestau­nen darf, scheint die­ses klas­si­sche Zitat mehr als nur Bestä­ti­gung zu fin­den. 1928 mit ledig­lich 2 Tän­zern gegrün­det, wuchs die Trup­pe kon­ti­nu­ier­lich, um dann Ende der 1950er Jah­re auch Frau­en in ihren Rei­hen auf­zu­neh­men. Seit dem sind die Tän­ze­rin­nen und Tän­zer neben Chor und Orches­ter die 3. tra­gen­de Säu­le des Ensem­bles. Sie berei­chern das Pro­gramm nicht nur mit Klas­si­kern, wie dem Matro­sen­tanz, dem Kosacken-Tanz und ande­ren zum stän­di­gen Reper­toire gehö­ren­den Tän­zen, son­dern auch mit aktu­el­len Dar­bie­tun­gen, die als Wert­schät­zung für das jewei­li­ge Gast­ge­ber­land zu ver­ste­hen sind.
Die­ses umfang­rei­che Reper­toire ist des­halb mög­lich, weil man sowohl bei der Aus­wahl der Cho­reo­gra­phen als auch der Tän­ze­rin­nen und Tän­zer auf hoch­pro­fes­sio­nell aus­ge­bil­de­te Künst­ler zurück­grei­fen kann- oft auf direk­tem Wege von der Bal­lett­schu­le des Bolshoi-Theaters. So waren Chef­cho­reo­graph Alex­an­dr Radun­sky und Geor­gi Far­man­yantz einst selbst Tän­zer am Bolshoi, ehe sie dem Ensem­ble ihr gan­zes Wis­sen und Kön­nen zur Ver­fü­gung stell­ten.
Neben der Mög­lich­keit, aus dem Füll­horn der rus­si­schen Folk­lo­re mit­samt ihren Tän­zen schöp­fen zu kön­nen, zu denen u.a. der Kas­a­t­schok gehört, jener legen­dä­re Tanz im 2/4 Takt mit sei­ner Pris­jad­ka, bei der die Tän­zer in der Hocke jeweils ein Bein vor sich gestreckt hal­ten und dann schnell wech­seln und dem legen­dä­ren rus­si­schen Mäd­chen­rei­gen, bei der die Tän­ze­rin­nen wie auf eine Per­len­ket­te gefä­delt über die Büh­ne zu „fah­ren“ schei­nen, kön­nen alle Mit­glie­der des Corps dank ihrer Aus­bil­dung mühe­los Sze­nen aus berühm­ten Opern wie Mus­sorgskis „Boris Godu­n­ov“ und Borodins „Prinz Igor“ tan­zen. Auch Sequen­zen inter­na­tio­na­ler Tän­ze wie Sam­ba und Tän­ze der Roma, sei­ner­zeit durch Chef­cho­reo­gra­phen Usher Khmelnitz­ky ins Reper­toire ein­ge­bracht, wer­den künst­le­risch umge­setzt.

Kalin­ka in New York City

Irving Pros­ky und Her­bert Har­ris grün­de­ten 1939 in New York das Label Stin­son Records. Zu die­ser Zeit fand in der ame­ri­ka­ni­schen Metro­po­le die Inter­na­tio­na­le Welt­aus­stel­lung statt und Stin­son Records schlos­sen mit sowje­ti­schen Ver­tre­tern einen Ver­trag, der ihnen die exklu­si­ven Ver­triebs­rech­te des Alex­an­d­row Ensem­bles für die USA ein­räum­te. Im Jahr 1942 erschien das Album des Red Army Song And Dance Ensem­bles »The Red Army Sings« mit 12 Lie­dern auf 6 Schel­lack­plat­ten. Das Cover zeigt die Musi­ker bei einem Besuch der kämp­fen­den Trup­pe an der Front. Die Sowjet­uni­on war seit einem Jahr im Krieg und mit den USA und Groß­bri­tan­ni­en ein Teil der Anti-Hitler-Koalition.

Hap­py Tog­e­ther!

Der 18. Juni 1994 war ein war­mer Som­mer­tag. Schon am Nach­mit­tag füll­te sich der Lust­gar­ten am Ber­li­ner Dom vor einer gro­ßen Büh­ne, die vor dem Alten Muse­um errich­tet war. Gegen 20 Uhr war der Platz mit Zehn­tau­sen­den dicht gefüllt. Was dann los­brach, hat­te die Stadt noch nicht erlebt. Zehn ver­we­ge­ne Fin­nen, die Fri­su­ren so spitz wie ihre Schu­he, rock­ten los, vor einer Schall­mau­er aus 120 stram­men Offi­zie­ren, die bei jedem Refrain einem wah­ren Orkan anhe­ben lie­ßen. Nie zuvor sah man den Chor der Roten Armee so unge­zwun­gen und fröh­lich in einem so ent­fes­sel­ten Reper­toire schwel­gen. »Hap­py Tog­e­ther«, »Gim­me All Your Lovin« und »Stair­way To Hea­ven« mar­kier­ten auch für das sowje­ti­sche Ensem­ble ein ver­hei­ßungs­vol­len Wan­del in einer Welt ohne Mau­ern und Vor­ur­tei­le. Gemein­sam mit den Lenin­grad Cow­boys hat­ten sie zuvor das größ­te Kon­zert in Finn­land vor 70.000 Besu­chern in Hel­sin­ki gespielt. Aki Kau­rus­mä­ki dreh­te dazu den Kon­zert­film. Gemein­sam gin­gen die Cow­boys mit den Alex­an­d­rows auch ins Stu­dio. »Hap­py Togeh­ter« kon­ser­vier­te den Zau­ber des Augen­blicks, die Zuver­sicht einer Zeit, die heu­te lei­der längst ver­gan­gen scheint.

Leo­nid Kha­ri­to­now 18.9.193319.9.2017

Heute trauern wir um Leonid Kharitonow, den großartigen Bassbariton, der von 1953 bis 1972 zu den prägenden Sängern und Solisten des Alexandrow Ensembles gehörte. Wir hatten die Hoffnung, dass wir ihm in Vorbereitung dieser Ausstellung in Moskau persönlich begegnen könnten, denn Leonid Kharitonow steht mitten in der Geschichte des Alexandrow Ensembles. Damit wird er für immer unvergessen sein. Wir danken Michail Kharitonow herzlich für die Fotos: www.lkharitonov.com

Grand Prix in Paris

1937 traf sich die Welt noch ein­mal fried­lich in Paris, um Visio­nen von Kunst, Tech­nik und moder­nem Leben zu for­mu­lie­ren. 34 Mil­lio­nen Men­schen besuch­ten die Welt­aus­stel­lung rund um den Eif­fel­turm. Am Ufer der Sei­ne stan­den sich zwei monu­men­ta­le Pavil­lons dro­hend gegen­über. Auf dem deut­schen Pavil­lon des Archi­tek­ten Albert Speer thron­te der Reichs­ad­ler auf einem Haken­kreuz. Auf dem sowje­ti­schen Pavil­lon schrit­ten ihm »Der Arbei­ter und die Bäue­rin« der Bild­haue­r­ein Wera Much­i­na furcht­los ent­ge­gen. Im Sep­tem­ber 1937 gas­tier­te das Alex­an­d­row Ensem­ble im Rah­men­pro­gramm der Welt­aus­stel­lung erst­mals in Paris. Unter der Lei­tung von Alex­an­der Alex­an­d­row wur­de das Gast­spiel ein tri­um­pha­ler Erfolg, der mit dem Grand Prix der Welt­aus­stel­lung gewür­digt wur­de. Ein Jahr spä­ter war das Ensem­ble ein wei­te­res Mal in Paris. Dabei ent­stan­den auch Ton­auf­nah­men, die bis heu­te erhal­ten geblie­ben sind.

Im schöns­ten Wie­sen­grun­de

Som­mer in der zer­stör­ten Stadt. Tau­sen­de Ber­li­ner ver­sam­meln sich auf dem Gen­dar­men­markt und vie­le erklim­men zur bes­se­ren Sicht die umste­hen­den Rui­nen. Auf gro­ßer Büh­ne spielt das Alex­an­d­row Ensem­ble – Män­ner in Uni­form – Chor und Orches­ter der Roten Armee. Am 18. August 1948 sin­gen Sie­ger für Besieg­te. Die Befrei­er sind nun Besat­zer. Ber­lin ist längst eine geteil­te Stadt. Vier Sek­to­ren mar­kie­ren das poli­ti­sche Welt­ge­sche­hen. Das Kon­zert vor dem aus­ge­brann­ten Schau­spiel­haus diri­giert Boris Alex­an­d­row, Sohn und Nach­fol­ger des Ensemble-Gründers. Als Wik­tor Niki­tin »Kalin­ka« singt, sind alle aus dem Häus­chen. Als er auf deutsch »Im schöns­ten Wie­sen­grun­de« anstimmt, ver­ste­hen die Ber­li­ner die groß­her­zi­ge Ges­te – Sie­ger und Besieg­te müs­sen nicht auf ewig Fein­de sein.