Hin­ter den Kulis­sen

Uni­for­men ver­mit­teln ein stren­ges Bild und ver­ra­ten wenig über die Men­schen, die in ihnen ste­cken. Einen lie­be­vol­len Blick hin­ter die Kulis­sen erlaub­te 2013 der pol­ni­sche Kanal Pol­s­ka Zbron­ja wäh­rend einer Gast­spiel­rei­se durch meh­re­re pol­ni­sche Städ­te. Zu sehen bekom­men wir jun­ge Män­ner in Jeans – Sän­ger mit freund­li­chen, zufrie­de­nen Gesich­tern bei der Pro­be, Tän­zer in Trai­nings­klei­dung, Tech­ni­ker beim Sound­check – Büh­nen­all­tag, wie er sich von ande­ren kaum unter­schei­det. Erst durch Uni­for­men und Kos­tü­me ent­steht das unver­wech­sel­ba­re Erschei­nungs­bild des Ensem­bles. Auf der Büh­ne ver­schmel­zen die Ein­zel­per­so­nen zu einem orga­ni­schen kol­lek­ti­ven Gan­zen. Hin­weis: Ab dem 21. Novem­ber 2017 ist das Alexandrow-Ensemble in Polen auf Tour­nee.

God save the Queen

Es ist gute Tra­di­ti­on, dass das Ensem­ble auf Rei­sen ein jedes Kon­zert mit zwei Natio­nal­hym­nen beginnt – der des Gast­lan­des, gefolgt von der eige­nen. So war es auch bei der ers­ten »Lon­don Inva­si­on«, 1956, in der Empress Hall. »Der groß­ar­ti­ge Sol­da­ten­chor sang sich in die Her­zen des bri­ti­schen Publi­kums. Dies war ein voll­stän­di­ger und unblu­ti­ger Sieg der Roten Armee. Und bei all dem waren die Tän­zer die Haupt­at­trak­ti­on, denn sie voll­führ­ten ihre Sprün­ge und Dre­hun­gen gegen alle Geset­ze des Gleich­ge­wichts und der Schwer­kraft.« (Dai­ly Sketch). Bei wei­te­ren UK-Tourneen 1963 und 1989 fol­gen Gast­spie­le in der Lon­do­ner Roy­al Albert Hall, die auch auf Lang­spiel­plat­ten doku­men­tiert wer­den.

Treue Freun­de

»Ich lass mir auch heu­te nicht sagen, wen ich mögen darf und wen nicht!« Wer so zu sei­nen Freun­den steht, gilt als wahr­haft treue See­le und steht zugleich auch zu sich selbst. Trotz poli­ti­scher Wider­stän­de und oppor­tu­nis­ti­schem Anpas­sungs­druck ver­bin­det Karel Gott eine lang­jäh­ri­ge Freund­schaft mit dem Alexandrow-Ensemble. Er ist der ein­zi­ge aus­län­di­sche Künst­ler, der bis­lang die Alexandrow-Medaille ver­lie­hen bekam. Im Jahr 2013, zum 85. Jubi­lä­um in Mos­kau, kam er als musi­ka­li­scher Gra­tu­lant auf die Büh­ne. Wäh­rend sei­ner schwe­ren Erkran­kung wirk­ten die ermun­tern­den Wor­te sei­ner Ensemble-Freunde wie heil­sa­me Medi­zin: »Karel, wir lie­ben dich. Du hast ver­spro­chen bei unse­rem 90. Jubi­lä­um in Mos­kau dabei zu sein. Wer­de gesund! Du schaffst das! Wir sind an dei­ner Sei­te!«

Säbel­tanz in Prag

Im Anschluss an das Gast­spiel wäh­rend der Welt­aus­stel­lung in Paris gab das Alex­an­d­row Ensem­ble ab dem 28. Sep­tem­ber 1937 acht Kon­zer­te in der Sme­ta­na Hal­le in Prag und zwei Mati­nées für tsche­chi­sche Sol­da­ten der Pra­ger Gar­ni­son. Im Rah­men eines gro­ßen Tref­fens suden­ten­deut­scher Anti­fa­schis­ten in Usti nad Labem (Aus­sig) begrüß­te der sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Bür­ger­meis­ter Leo­pold Pölzl die sowje­ti­schen Künst­ler am 1. Okto­ber 1937 in der größ­ten Sport­hal­le der Stadt. Die deutsch­na­tio­na­le Pres­se war außer sich. Mehr als 5.000 Zuschau­er waren begeis­tert. Nach dem Krieg kam das Ensem­ble 1946 wie­der nach Prag. 1948 folg­te eine ers­te Tour­nee durch die Tsche­cho­slo­va­kei. Gast­spiel­rei­sen in die CSSR stan­den fort­an regel­mä­ßig auf dem Pro­gramm. In der Tsche­chi­schen Repu­blik hat das Alex­an­d­row Ensem­ble bis heu­te einen gro­ßen Klang. Zuletzt war es im Som­mer 2017 zu Gast.

Palais des Sports – Paris

Im März und April 1960 gas­tier­te das Alex­an­d­row Ensem­ble im gera­de neu eröff­ne­ten futu­ris­ti­schen Palais des Sports in Paris. Für die Fran­zo­sen ist dies heu­te ein mytho­lo­gi­scher Ort der Musik­ge­schich­te – The Beat­les, Rol­ling Stones, John­ny Hal­ly­day, Pink Floyd, Queen – sie alle hat­ten dort ihren gro­ßen Auf­tritt. 1963/64, 1967, 1974/75 – das Alex­an­d­row Ensem­ble wur­de immer wie­der im Palais des Sports gefei­ert und begeis­ter­te mit Gesang und Tanz. Eini­ge der Kon­zer­te sind auf Schall­plat­ten doku­men­tiert. »Les Choeurs de l’armée Sovié­tique a Paris« wur­de ver­gol­det und gewann in Frank­reich den »Grand Prix Natio­nal du Dis­que« des Jah­res 1961.

Immer für eine Über­ra­schung gut

Das Bal­lett des Alexandrow-Ensembles ist bekannt für Tanz­sze­nen, bei denen man geneigt ist, den Atem anzu­hal­ten. Die Geset­ze der Schwer­kraft schei­nen für die­se Tän­ze­rin­nen und Tän­zer nicht zu gel­ten. Für beson­de­re Über­ra­schungs­mo­men­te sor­gen sie jedoch auch mit Tanz­ein­la­gen, die völ­lig uner­war­tet aus der Rol­le fal­len. Bei ihrem Gast­piel in Tsche­chi­en waren die Zuschau­er kom­plett aus dem Häus­chen, als zum Karel Gott- Klas­si­ker „Lady Car­ne­val“ das Bal­lett mit bun­ten Samba-Kostümen und einer begeis­tern­den Cho­reo­gra­phie die Büh­ne stürm­te – Lebens­freu­de pur!

Will­kom­men in Ber­lin

Ein his­to­ri­sches Film­do­ku­ment aus dem Archiv von Michail Kha­ri­to­nov zeigt das Alex­an­d­row Ensem­ble bei ver­schie­de­nen Gast­spie­le in Ber­lin. Beson­ders anrüh­rend sind die Aus­schnit­te aus dem Jahr 1948. Sie ver­mit­teln einen leben­di­gen Ein­druck von der mit­rei­ßen­den Atmo­sphä­re inmit­ten der Rui­nen auf dem Gen­dar­me­markt. In kur­zen Inter­view­se­quen­zen aus spä­te­ren Jah­ren schil­dert Boris Alex­an­d­row sei­ne per­sön­li­chen Erin­ne­run­gen.

Lie­bes­grü­ße für Mos­kau

Bereits am Anfang ihrer lan­gen Kar­rie­re, steht die jun­ge Frau mit der gewal­ti­gen Stim­me mit dem pro­mi­nen­ten Män­ner­chor auf gro­ßer Büh­ne. Vor 50 Jah­ren, im Som­mer 1967, begibt sich Frank­reichs neu­er Super­star Mireil­le Mathieu auf Tour­nee durch die Sowjet­uni­on. Auf­trit­te mit dem Alex­an­d­row Ensem­ble wer­den zum gemein­sa­men Tri­umph. Schon im Novem­ber des glei­chen Jah­res gibt es ein freu­di­ges Wie­der­se­hen beim Gast­spiel des Cho­res im Palais de Sport in Paris. Mit­ten im kal­ten Krieg lebt die Künst­le­rin ganz offen ihre Lie­be zu dem fer­nen Land, zu sei­nen Men­schen, zu ihrer Kul­tur, ihrer Musik. Mit dem Alex­an­d­row Ensem­ble ist Mireil­le Mathieu durch ein tie­fes künst­le­ri­sches Ver­ständ­nis, durch viel­fäl­ti­ge musi­ka­li­sche Koope­ra­tio­nen und auch durch ganz per­sön­li­che Freund­schaf­ten bis heu­te eng ver­bun­den. Die klei­ne Frau und das gro­ße Ensem­ble sind glei­cher­ma­ßen Welt­bür­ger wie natio­na­le Iko­nen, die, über alle Gren­zen und poli­ti­schen Ver­wer­fun­gen hin­weg, seit Jahr­zehn­ten zuein­an­der ste­hen.


Nemo saltat sobri­us, nisi for­te insa­nit cic.

»Nie­mand tanz­te, es sei denn, er wäre ver­rückt«. Wenn man die spek­ta­ku­lä­ren Bei­trä­ge der Tän­zer und Tän­ze­rin­nen des Alex­an­d­row Ensem­bles bestau­nen darf, scheint die­ses klas­si­sche Zitat mehr als nur Bestä­ti­gung zu fin­den. 1928 mit ledig­lich 2 Tän­zern gegrün­det, wuchs die Trup­pe kon­ti­nu­ier­lich, um dann Ende der 1950er Jah­re auch Frau­en in ihren Rei­hen auf­zu­neh­men. Seit dem sind die Tän­ze­rin­nen und Tän­zer neben Chor und Orches­ter die 3. tra­gen­de Säu­le des Ensem­bles. Sie berei­chern das Pro­gramm nicht nur mit Klas­si­kern, wie dem Matro­sen­tanz, dem Kosacken-Tanz und ande­ren zum stän­di­gen Reper­toire gehö­ren­den Tän­zen, son­dern auch mit aktu­el­len Dar­bie­tun­gen, die als Wert­schät­zung für das jewei­li­ge Gast­ge­ber­land zu ver­ste­hen sind.
Die­ses umfang­rei­che Reper­toire ist des­halb mög­lich, weil man sowohl bei der Aus­wahl der Cho­reo­gra­phen als auch der Tän­ze­rin­nen und Tän­zer auf hoch­pro­fes­sio­nell aus­ge­bil­de­te Künst­ler zurück­grei­fen kann- oft auf direk­tem Wege von der Bal­lett­schu­le des Bolshoi-Theaters. So waren Chef­cho­reo­graph Alex­an­dr Radun­sky und Geor­gi Far­man­yantz einst selbst Tän­zer am Bolshoi, ehe sie dem Ensem­ble ihr gan­zes Wis­sen und Kön­nen zur Ver­fü­gung stell­ten.
Neben der Mög­lich­keit, aus dem Füll­horn der rus­si­schen Folk­lo­re mit­samt ihren Tän­zen schöp­fen zu kön­nen, zu denen u.a. der Kas­a­t­schok gehört, jener legen­dä­re Tanz im 2/4 Takt mit sei­ner Pris­jad­ka, bei der die Tän­zer in der Hocke jeweils ein Bein vor sich gestreckt hal­ten und dann schnell wech­seln und dem legen­dä­ren rus­si­schen Mäd­chen­rei­gen, bei der die Tän­ze­rin­nen wie auf eine Per­len­ket­te gefä­delt über die Büh­ne zu „fah­ren“ schei­nen, kön­nen alle Mit­glie­der des Corps dank ihrer Aus­bil­dung mühe­los Sze­nen aus berühm­ten Opern wie Mus­sorgskis „Boris Godu­n­ov“ und Borodins „Prinz Igor“ tan­zen. Auch Sequen­zen inter­na­tio­na­ler Tän­ze wie Sam­ba und Tän­ze der Roma, sei­ner­zeit durch Chef­cho­reo­gra­phen Usher Khmelnitz­ky ins Reper­toire ein­ge­bracht, wer­den künst­le­risch umge­setzt.

Kalin­ka in New York City

Irving Pros­ky und Her­bert Har­ris grün­de­ten 1939 in New York das Label Stin­son Records. Zu die­ser Zeit fand in der ame­ri­ka­ni­schen Metro­po­le die Inter­na­tio­na­le Welt­aus­stel­lung statt und Stin­son Records schlos­sen mit sowje­ti­schen Ver­tre­tern einen Ver­trag, der ihnen die exklu­si­ven Ver­triebs­rech­te des Alex­an­d­row Ensem­bles für die USA ein­räum­te. Im Jahr 1942 erschien das Album des Red Army Song And Dance Ensem­bles »The Red Army Sings« mit 12 Lie­dern auf 6 Schel­lack­plat­ten. Das Cover zeigt die Musi­ker bei einem Besuch der kämp­fen­den Trup­pe an der Front. Die Sowjet­uni­on war seit einem Jahr im Krieg und mit den USA und Groß­bri­tan­ni­en ein Teil der Anti-Hitler-Koalition.